Abschied eines Wahrzeichens | Stefan Herber

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Thursday, 11. April 2013Blog, Frankfurt 0 Comments
Abschied eines Wahrzeichens

Wer zur Zeit aus Frankfurt ein- oder ausfährt, kann im wirren Bild der Skyline drei Baukräne entdecken. Sie klammern sich um drei Gebäude. Jedes davon höher als 100 Meter. Um den Taunusturm in der Innenstadt, um das neue Gebäude der Europäischen Zentralbank im Ostend und um den Henninger Turm in Sachsenhausen. Der Taunusturm und die EZB befinden sich noch im Wachstum. Der Henninger Turm feiert dagegen glanzlos seinen Abschied: Der Kran auf dem Dach dient der Demontage. Der Demontage eines Frankfurter Wahrzeichens.

Die Bedeutung des klobigen Turms

2002 wurde der Betrieb des Turms eingestellt. Er konnte die Brandschutzbestimmungen nicht mehr erfüllen. Am vergangenen Montag hat der Abriss begonnen. Lärm, Staub und Absperrzäune eines in sich sackenden 120 Meter Turms wären eine Zumutung für die umliegende Wohngegend. Und so wird der Turm nicht gesprengt, sondern regelrecht „auseinander gebaut“. Wer genau hinschaut, erkennt schon jetzt sein zerpflücktes Dach. Derzeit wird das Innenleben des Turmkorbs entfernt. Hier gibt es bereits Fotos – ältere, aber auch spannende neue direkt aus dem Turmkorb.

Eine Freundin, zugezogene Frankfurterin, fragte mich vor wenigen Wochen, was an dem Abriss dieses hässlichen Gebäudes so spektakulär sei. Zugegeben, eine Schönheit ist das ehemalige Getreidesilo mit dem „Bierfass“-Aufsatz nicht. Aber der Henninger Turm steht für mehr als nur ein klobiges, weißes Hochhaus, in dem eine eher nicht so leckere Brauerei ihren Sitz hatte. Er war ein Zeichen des Aufbäumens des bis dahin noch immer erkennbar zerstörten Deutschlands.

Einst eine Touristenattraktion

Der Turm wurde 1961 errichtet und war das erste Gebäude, das den Kaiserdom überragte. Lange vor der heute markanten Skyline Frankfurts. Erst 1974 wurde der Henninger Turm vom 142 Meter hohen City-Hochhaus übertroffen.

Seit seiner Geburtsstunde entwickelte sich der Henninger Turm zu einer beliebten Touristenattraktion: Im Turmkorb befand sich auf 100 Metern Höhe ein Drehrestaurant. Vom Henninger Turm ausgehend, eigentlich aus Marketingzwecken erdacht, wurde das Radrennen „Rund um den Henninger Turm“ ins Leben gerufen. Schnell erlebte dieses internationale Beliebtheit. Wird man heute als Frankfurter von Touristen gefragt, wo Sachsenhausen mit seinem beliebten Kneipenviertel liegt, dann zeigt man für gewöhnlich in Richtung des weißen Koloss, auf die andere Seite des Mainufers: „Ei da vonne dran“.

Der neue Turm

Der Turm wird einem neuen Gebäude weichen. Einer futuristischen Version des Henninger Turms. 120 luxuriöse Eigentumswohnungen soll das Gebäude beherbergen – Quadratmeterpreis rund 4.000 Euro. Im umliegenden Areal sollen sogar 700 Wohnungen entstehen – teils Mietwohnung, teils Eigentumswohnungen. Ferner sind ein Supermarkt, ein Fitnessstudio, eine Kita und Parkmöglichkeiten geplant.

Auch ein „Bierfass“ soll wieder auf das Dach kommen, wieder mit einem Restaurant darin. Ob sich auch dieses drehen wird, ist im Moment noch unklar. Klar ist, dass der Neubau des Stadtbereichs den Investoren 300 Millionen Euro wert ist. Die Fertigstellung des neuen Henninger Areals soll 2017 erfolgen. Glanzvoll wird dieses neue Gelände sicher sein. Die nächsten Monate bleiben aber weiter glanzlos.

Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de

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