Depeche Mode: „Delta Machine“ | Stefan Herber

Blog

Saturday, 23. March 2013Blog, Musik 1 Comments
Depeche Mode: „Delta Machine“

Langersehnt und heiß erwartet: Depeche Mode haben gestern ihr 13. Studioalbum „Delta Machine“ veröffentlicht. Nachdem nur wenige Tage zuvor der erste Leak aufgetaucht ist, reagierte Sony prompt und stellte das Album als legales Pre-Listening ins Netz. Als jahrelanger Fan fiel es mir nicht leicht dem Stream zu widerstehen. Aber ein Depeche Mode Release ist immer etwas besonderes. Also hieß es durchhalten.

Mein gestriger Tagesplan sah also so aus: Arbeiten, zum Plattendealer des Vertrauens, mit einem Gläschen Wein dem neuen Material lauschen und direkt darauf eine Rezi schreiben. Die Rezi kommt nun einen Tag später. Ich bin eingeschlafen, noch bevor die Platte durch war. Sagt das etwas über das Album aus? Ja und nein.

Anfang, Ausstieg, Neuanfang

Seit nun mehr 33 Jahren ist Depeche Mode wohl die mainstreamigste Alternative-Band dieses Planeten. In ihren Anfängen noch naive Synthie-Popper, sprangen sie irgendwann auf den Zug der New Romantics auf. Sie setzten Maßstäbe in der Sampling-Kultur, in dem sie Klänge von Töpfen, Tischtennisbällen und sonstigem Gerümpel in Songs verwurstelten und damit auch noch kommerziellen Erfolg hatten. Depeche Mode gehören auch zu den ersten, die den Remix zu einem Bestandteil ihrer Singles machten und ebneten damit den Weg für ein heute gängiges Vorgehen in der Techno- und überhaupt in der Musiklandschaft. Die Band reifte, wurde zunehmend düsterer und befand sich mit dem dunklen, kühlen „Violator“ (1990) und dem mit Rock und Gospel beeinflussten „Songs Of Faith And Devotion“ (1993) auf dem Zenit ihres Schaffens.

Dann der Zusammenbruch: Dave Gahans Heroin- und Kokainabhängigkeit, ein Suizidversuch und eine Überdosis, die ihn zwei Minuten klinisch tot machte. Songschreiber Martin Gore verfiel dem Alkohol. Und Seele und Soundtüftler der Band, Alan Wilder (heute aktiv als Recoil), stieg 1995 aus. Und doch raufte sich die Band zusammen, ohne Wilder: es folgten die Alben „Ultra“ (1997), „Exciter“ (2001), „Playing The Angel“ (2005) und „Sounds Of The Universe“ (2009). Und eins hatten alle diese Platten gemeinsam: das Fehlen von Alan Wilder war an allen Ecken und Kanten spürbar. Es schien, als hätte die Band Schwierigkeiten ihr gewohntes Niveau zu finden, experimentierte viel und schrieben großartige Songs. Im Umkehrschluss produzierten sie aber auch so viel Füllmaterial wie nie zuvor.

Elektronisch, mutig, modern und schwierig

Man durfte also gespannt sein, was die Band aus Basildon mit „Delta Machine“ abliefern würde. Eins vorweg: Die Platte überrascht ganz gewaltig. „Delta Machine“ ist womöglich der größte Schritt weg von dem, was man von Depeche Mode gewohnt war: Depeche Mode klingen so kalt und elektronisch wie nie zuvor. Detailverliebt wie lange nicht mehr und reduziert bis aufs Minimum wummert und frickelt es 13 bzw. 17 Songs (Deluxe Edition) lang durch die Boxen. Von dem einstig großen Pop ist nicht mehr viel übrig, von in Pathos gehüllten Mitsingrefrains ganz zu schweigen. Stattdessen zieht sich eine Monotonie durch die Platte, die in ihrem instrumentalen Sound zwar enorm spannend ist, über die ganze Länge aber zunächst ermüdet. Das ist erst einmal weder positiv noch negativ.

Positiv ist, dass es sich bei „Delta Machine“ um ein hochmodernes, elektronisches Album handelt. Mutig, großartig produziert, voller Ideen. Negativ ist, dass sich das alles einem sehr schwer erschließt. Klassische Radiosingles sucht man, bis auf das bereits bekannte „Heaven“, vergebens. Die Eingängigkeit der einzelnen Songs zeigt sich dermaßen subtil, dass man schon öfters hinhören muss – bei dem einen Song geht das schneller („Secret To The End“, „Broken“, „Should Be Higher“), bei dem anderen reichen auch drei Durchgänge noch nicht („My Little Universe“, „The Child Inside“, „Goodbye“). Und dann gibt es die Songs, die direkt funktionieren: „Heaven“, „Soft Touch/Raw Nerve“, „Soothe My Soul“.

Wenig Pop, viel Niveau

Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher liefern mit „Delta Machine“ wohl das schwierigste Album ihre Bandgeschichte ab. Gleichzeitig aber auch das spannendste Album, seit dem Weggang von Alan Wilder. Die einstige Eingängigkeit und Seele, die den Sound von Depeche Mode ausgemacht haben, sind verflogen. 2013 überzeugen die Briten viel mehr mit Schreiber- und Produktionsqualitäten. Worüber sich kein Mensch bei Bands wie Radiohead chauffieren würde, kann Depeche Mode mit „Delta Machine“ zum Verhängnis werden. Und so zeigen sich auf der Scheibe zahlreiche Einflüsse von Techno, Minimal, Noise, Rock und Blues – verpackt in kratzige Synthie-Klänge, drückende Basslines, bewusst reduzierte Gitarren, zaghafte Staccato-Beats und der Stimme von Dave Gahan, die nie besser klang.

Warum nun also eingeschlafen, beim ersten Hördurchgang: „Delta Machine“ ist keine Platte, die man sich Freitagabend nach einer langen Arbeitswoche anhören sollte. Die Platte braucht Zeit und Geduld. Die Spannung, die während jedes einzelnen Songs aufgebaut wird, wird nur sehr selten gelöst. Und so scheint die Platte zunächst vor sich hinzuplätschern. Wer sich aber die Mühe macht, unvoreingenommen den „Play“-Button zu drücken und das zwei, drei Mal wiederholt, wird schon bald einige Perlen für sich finden. „Delta Machine“ ist nicht das beste Depeche Mode Album. „Delta Machine“ ist eigentlich gar kein Depeche Mode Album im klassischen Sinne. „Delta Machine“ ist ein frisches, komplexes, unkonventionelles Elektro-Gebilde, das den Stempel Depeche Mode trägt. Sich als Fan auf so viel schwere Kost einzulassen, ist keine leichte Aufgabe. Kann sich aber lohnen.

'One Response to “Depeche Mode: „Delta Machine“”'
  1. Matze says:

    Du bringst es auf den Punkt! Sehr coole Plattenbeschreibung, wobei ich die Maschine dann doch nicht ganz so unzugänglich finde. Gerade “Welcome To My World” blieb bei mir sofort hängen. Auf jeden Fall auch für Semi-Depeche-Mode-Hörer wie mich sicherlich hörenswert, wem Atoms For Peace oder Everything, Everything gefällt sollte es auf jeden Fall mal wagen.

Sag mir Deine Meinung