DER ISLAM, DEUTSCHLAND – UND ICH. | Stefan Herber

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Sunday, 5. October 2014Blog 2 Comments
DER ISLAM, DEUTSCHLAND – UND ICH.

Ich bin kein religiöser Mensch. Ich kann mich mit keiner der so genannten Weltreligionen so sehr identifizieren, dass ich sie aus voller Überzeugung leben könnte. Dennoch habe ich meinen eigenen Glauben, der sich weniger auf Schriften und Erzählungen, sondern viel mehr auf spirituelle Überzeugungen bezieht sowie auf ethische, moralische und ideologische Grund- und Wertevorstellungen, die mir meine Familie, meine Freunde, teils die Gesellschaft und mein eigener Verstand mitgegeben haben.

Ich bin deshalb auch nicht religiös aufgewachsen. Meine Eltern und meine Familie sind ebenfalls nicht religiös. Dennoch, so war das damals wohl einfach, wurde ich mit einem Jahr evangelisch getauft, habe meine Konfirmation gemacht und bin bis heute noch Mitglied der Kirche. Um es kurz zu halten: Auf dem Papier bin ich Christ. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Städtchen bei Frankfurt, mit einem hohen Migrationsanteil und somit auch mit vielen Muslimen. Ich kam also schon im Kindesalter mit Religionen abseits des Christentums in Berührung.

Ich kann mich erinnern, als ich in der Grundschule zum ersten Mal vom muslimischen Opferfest gehört habe. Damals erzählte ein marokkanischer Klassenkamerad in großer Runde und für ihn selbstverständlich, dass sie dazu ein Schaf geschlachtet und ausbluten lassen haben. Ich erinnere mich auch noch, wie befremdlich ich das fand. Vielleicht hat es aber gerade deshalb Türen in mir geöffnet, um zu verstehen, was dahinter steckt. Dieser Klassenkamerad sowie andere Marokkaner und Türken wurde später gute Freunde von mir – einer davon sogar über viele Jahre mein bester Freund. Nicht deshalb, sondern trotzdem, nämlich ohne das zu bewerten. Das ist eben die kindliche Offenheit. Die, die wir scheinbar mit jedem Jahr zunehmend verlieren.

Das islamische Opferfest ist der Höhepunkt des Haddsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka. Dieser Tag war gestern, der Eid al-Adha. Offiziell endet die Pilgerreise am kommenden Dienstag. Anlässlich dazu veröffentlichte die FAZ auf ihrer Facebook-Seite eine beeindruckende Bilderstrecke: Menschenmassen, die sich am Berg Arafat und in der Heiligen Moschee von Mekka versammelten. Ein Kommentar dazu unter dem Facebook-Post stach mir dabei direkt ins Auge, den ich zunächst nicht verstand. Da schrieb ein Mann: „Da geht doch gerade meine Phantasie mit mir durch“. Auf der Seite des Kommentators wurde schnell und offensichtlich klar, dass es sich um einen islamfeindlichen Menschen handelt. Die Interpretation des Kommentars sollte mit ein paar kranken Gedanken also nicht schwierig sein. Dieser Kommentar erhielt bis jetzt 26 Likes. 26 Zustimmungen. Eine Antwort auf den Post war: „Ja mir auch. 1 million musel im engen raum.. ich schreib lieber nicht was ich mir grad vorstelle“. Es war nicht der einzige Kommentar unter dem Post, der in eine abscheuliche Richtung ging. Um nicht zu sagen, dass gut die Hälfte der Kommentare stark negativ, verachtend, respektlos und beleidigend zu interpretieren waren.

Die andere Hälfte der Kommentare stammte offensichtlich von Muslimen und war entweder neutral oder verteidigend – zu meinem größten Respekt aber fast ausnahmslos sachlich. Nun bin ich, wie bereits geschrieben, kein religiöser Mensch. Mir ist die Bedeutung der Religion für viele Menschen aber bewusst. Ich kann sie verstehen und nachvollziehen, tolerieren und respektieren und gebe zu, dass Religionen durchaus einen gewissen Reiz und eine Faszination auf mich ausüben – trotz oben genannter Gründe, die für mich persönlich gegen einen festen Glauben sprechen. Aber eben dieser Respekt zum Glauben und insbesondere zum Islam, die vielen Berührungspunkte die ich bisher dazu hatte – Klassenkameraden, Freunde, Nachbarn, Ladenbesitzer, meine Freundin, selbst mein Frisör – haben in mir über all die Jahre eine Verbundenheit entwickelt. Stärker als durch diese Berührungspunkte wird diese Verbundenheit aber durch immer wiederkehrende, islamfeindliche Äußerungen von nicht-Muslimen beeinflusst. So wurde mir beim Stöbern in den Kommentaren einfach nur kotzübel. Kotzübel nicht bloß wegen ein paar Spinnern, sondern weil es exemplarisch für einen nicht kleinen Teil unserer Gesellschaft steht.

Das Gefühl, dass die ganze Sache in mir ausgelöst hat, die Ahnungslosigkeit, die Vorurteile, die Engstirnigkeit und mitunter auch Dummheit meiner „Mitbürger“, war für mich als Deutschen und theoretisch auch als Christ ein Gefühl von Scham und Schande, Wut und Enttäuschung und plötzlich fühlte ich mich sogar selbst persönlich angegriffen – was ich in einem Kommentar unter dem Facebook-Post kurz, knapp, völlig schlicht und rein intuitiv zum Ausdruck gebracht habe. Was mir erst danach wirklich klar wurde, war, dass ich zu diesem Zeitpunkt der einzige Deutsche und/oder nicht-Muslim war, der in dem gesamten Thread pro-muslimisch Partei ergriffen hat. Ich, der nicht religiöse, deutsche auf-dem-Papier-Christ.

Vor wenigen Tagen hatte ich ein Gespräch darüber, dass es mir an Verständnis fehlt, warum man in größeren Medien, in sozialen Netzwerken und überhaupt enorm selten von Muslimen mitbekommt, die, in Anbetracht der Machenschaften beispielsweise des IS, ihre Religion und ihren Glauben verteidigen – oder wenigstens versuchen aufzuklären. Muslime, deren Glaube für sie einen so starken und essentiellen Wert besitzt, lassen den Islam von Terroristen in den Dreck ziehen und ein Bild entstehen, das (im Falle von Deutschland) der gemeine BILD-Leser in sich aufnimmt und seltenst bis nie hinterfragt. Ich betone: Ich spreche von der breiten, einfachen Masse und verallgemeinere nicht alle Deutschen. Die Antwort in dem Gespräch war unter anderem, weil viele Muslime und insbesondere Verbände, die als Sprachrohr dienen könnten, Angst haben, öffentlich Partei zu ergreifen.

Was ich heute klarer denn je sehe, ist, dass es in unserem Land an uns liegt, Zeichen zu setzen: In dem bisher geschilderten FAZ-Fall, der nicht annähernd eine solche Tragweite hat wie die Thematik IS und doch von vielen Unwissenden über einen Kamm geschert wird, habe ich Partei ergriffen, mich streckenweise vielleicht sogar ab einem gewissen Punkt in Rage geschrieben und ebenfalls direkte Konsequenzen erfahren: Es entwickelten sich Diskussionen und neben wirklich lieben, teils herzzerreißenden Kommentaren und Mails, die ihre Dankbarkeit ausdrückten, erhielt ich beleidigende Mails – von Deutschen. Genau, direkte Privatnachrichten!

Ich frage mich, wie wir Deutschen in einem Land leben können, dessen Anteil an Muslimen so hoch ist, dass wir so unaufgeklärt, rücksichtslos und respektlos durch den Alltag ziehen. Diese Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit ist eine Schande – nicht den Willen zu besitzen, sich selbst zu informieren, um sich eine Meinung bilden zu können. Stattdessen werden friedliche Werte, Ideologien und einer der wertvollsten Lebensinhalte von millionen Menschen mit Füßen getreten und bespuckt. Es entsteht das berühmte Bild, das wir Deutsche an uns selbst doch selbst so sehr hassen: das des ewigen Nazis. Die Deutschen und die nicht-Muslime, die es besser wissen und es dulden, dass Andersgläubige in unserem Land mit Abscheu behandelt werden, sind dagegen schlicht eine Enttäuschung. Es liegt am Ende auch bei uns, sich für Respekt und Toleranz einzusetzen und Partei zu ergreifen.

Mir geht es in diesem Beitrag nicht darum, den Weltfrieden auszurufen. Aber wenn ich als Deutscher von anderen Deutschen für meine Einstellung und Überzeugung angegriffen und beschimpft werde, dann läuft hier etwas falsch. Dann möchte ich nicht wissen, wie man sich als Muslim hier in Deutschland fühlen muss. Ich habe deshalb nur zwei Wünsche an alle, die diese Zeilen gerade gelesen haben: Nehmt Euch exemplarisch diesen FAZ-Post und lest in Ruhe und ausführlich ALLE Kommentare, den gesamten Thread. Wenn Ihr dann verstanden habt und nachfühlen könnt, was ich mit meinen obigen Zeilen meine, dann tragt in Zukunft auch Euren Teil zu mehr Verständnis und Respekt bei. Setz ein Zeichen – für Euch selbst, für uns Deutsche und vor allem für alle friedlichen Muslime. Es betrifft uns alle und es hat mich wirklich im Herzen berührt, mit welcher Dankbarkeit ich zahlreiche Nachrichten erhalten habe. Und wofür? Für drei Zeilen ehrlicher Worte und eine Handvoll Beleidigungen meiner eigenen Landsleute. Die Liebe überwiegt.

'2 Responses to “DER ISLAM, DEUTSCHLAND – UND ICH.”'
  1. Tanja Herber says:

    Danke, Stefan! Deine Worte und die Kommentare haben mich sehr nachdenklich gemacht. Ich wünsche mir, dass mein Kind eben mit dieser Toleranz und mit Respekt aufwächst. Nur so kann er seine Unvoreingenommenheit beibehalten. Hier kann ich nur Eines tun: ein gutes Vorbild sein!

    • Stefan Herber says:

      Ich danke Dir! Das wird er. Dafür sorgst Du und dafür sorgt dieselbe Familie, die mir ein gutes Vorbild war.

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