Hurts: „Exile“ | Stefan Herber

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Saturday, 9. March 2013Blog, Musik 0 Comments
Hurts: „Exile“

Den beiden Synthie-Poppern von Hurts ist das passiert, was sich kein Musiker bei Verstand wünscht: Ihr Debütalbum „Happiness“ (2010) ging kommerziell durch die Decke, vom Rolling Stone bis zur Bravo wurden sie gefeiert, man sah sie im TV und im Radio, und nebenbei bereisten sie sämtliche Bühnen dieser Welt. Warum das ein Albtraum ist? Weil die Erwartungshaltungen an das Nachfolgealbum kaum zu erfüllen sind.

Gestern erschien das Zweitwerk der beiden Briten „Exile“. Den heutigen Morgenspaziergang durch Bornheim mit Stöpseln in den Ohren also genutzt und dessen gefrönt, was da kommen mag. Los geht es mit dem Titeltrack der Platte und was gleich auffällt: Die Unschuld und der Schmalz von „Happiness“ ist weitestgehend verflogen und wurde durch raue Synthies und verzerrte Computerbeats ersetzt. Der Pop und Pathos ist jedoch geblieben, wenn auch nicht mehr mit seiner ganzen Leichtigkeit. Diese zeigt sich in der aktuellen Single „Miracle“ zwar noch am stärksten, wäre auf „Happiness“ jedoch in der Versenkung verschwunden. Und doch wird „Miracle“ seinen Weg ins Radio finden.

Von Eurodance bis Nine Inch Nails

Was nun kommt, verwirrt und überrascht zugleich: „Sandmann“ klingt kurzzeitig, als hätte sich 50 Cent an den Beats von Hurts versucht, „Blind“ kommt mit einem „Ohe-Ohe-Oh“-Pathos daher, den man zuletzt im 90er-Eurodance gehört hat und „Only You“ wirft dermaßen dreist ein Keyboard-Riff ein, das eins zu eins aus einem 80er-Jahre-Song ist, dessen Name mir ums verrecken nicht einfallen will.

Erst ab der zweiten Hälfte werden Hurts in ihrem Sound konsequenter und lenken das Album in ihre Spur. „The Road“ ist eine Walze von Song: schleicht sich einem anfangs noch zärtlich die Stimme von Theo Hutchcraft ins Ohr, kippen die Jungs die Stimmung und ziehen das Tempo an, um das alles gleich wieder fallen zu lassen. Erst zum Ende des Titels mündet die Launigkeit der vorherigen dreieinhalb Minuten in schmutzigem Electro und Industrial á la Nine Inch Nails und gibt uns dermaßen eins in die Fresse, wie zuletzt in diesem Genre Depeche Modes „A Pain That I’m Used To“. „Cupid“ knüpft elegant daran an und überzeugt mit einer rotzigen Bottleneck-Gitarre, die selbst den langweiligsten Langweilern eine Gänsehaut über den Rücken jagen dürfte. Und auch „Mercy“, mit seinem wummernden Chorus, macht einfach nur Spaß.

Erfrischende Konzeptlosigkeit

Dann wird es ruhig: „The Crow“ lässt Chris Isaacs „Wicked Game“ noch einmal zum Leben auferstehen und leitet allmählich das Ausklingen der Platte ein, die mit „Somebody To Die For“ ihren Abschluss findet. Für Hardcore-Fans warten in der Deluxe-Editon von „Exile“ noch vier weitere Tracks, die zugegeben völlig unspektakulär daher kommen und es völlig zurecht nicht auf die reguläre Platte geschafft haben. Da haut selbst bei „Help“ die Unterstützung von Elton John keine Löcher mehr aus dem Käse. Ja, Elton John. Warum auch immer.

Mit „Exile“ haben sich Hurts einen großen Gefallen getan: Sie haben weder versucht, direkt an das Debüt anzuknüpfen (was dem niemals gerecht geworden wäre), noch haben sie versucht, eine völlig neue Richtung einzuschlagen (die ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gestanden hätte). Stattdessen stehen sie ganz offen dazu, kein klares Konzept zu haben und experimentieren mit vielen kleinen Neuerungen, die manchmal begeistern und manchmal über die Strenge schlagen. Aber das ist okay, denn „Exile“ klingt immer noch düster und kühl nach Hurts und das ist für ein Zweitwerk absolut legitim. In wie weit Hurts für die Zukunft tatsächlich ihre Daseinsberechtigung in der populären Musiklandschaft haben, zeigt sich dann wahrscheinlich, wie so oft in der Rock- und Pop-Geschichte, erst ab Platte Nummer drei.

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