Von Frankfurt über Mainhattan bis nach Hause | Stefan Herber

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Sunday, 18. August 2013Blog, Frankfurt 2 Comments
Von Springfield über Mainhattan bis nach Hause

„Was ist Eure Heimat?“, fragt Katja bis zum 8. September in ihrer Blogparade. Aber Moment mal … Was bedeutet „Heimat“ überhaupt? Die Gedanken auf diese Frage können ja schon hoch philosophisch enden. Doch am Ende liegt die Antwort, wie so oft, in der eigenen Brust: im Herzen.

Die Kindheit in Springfield

Aufgewachsen bin ich im Main-Taunus-Kreis, press an der Frankfurter Stadtgrenze, in einem Städtchen namens Hattersheim. Der Ort direkt am Main zählt rund 25.000 Einwohner. 21 Jahre habe ich dort verbracht und habe an diese lange Zeit viele schöne Erinnerungen. Unvergesslich, wie mein Vater mich morgens immer auf dem Weg zum Bahnhof im Kindergarten abgesetzt hat – nicht selten in Hektik, aus Sorge seinen Zug zu vepassen, weil der Sohnemann in aller Ruhe hinter ihm her schlenderte. Der Kindergarten war einen Steinwurf zum heute abgerissenen Sarotti-Werk entfernt. Es mutet trotz jeder Wahrheit beinahe schon ausgedacht an, doch wenn damals der Regen über die Stadt hinein brach, wurde die Luft um das Werk von dem süßen Duft der Schokolade eingehüllt. Ansonsten ist Hattersheim eine typische, durchschnittliche Kleinstadt. Sehe ich heute eine Folge der Simpsons, erinnert mich Springfield immer wieder an Hattersheim und damit an all seine erschreckenden Parallelen.

Es kam die Jugend und damit die Schule, die ich nie gerne besucht habe. Eine Zeit, die für meine Eltern vermutlich noch schwieriger war als für mich. Ich hatte einen gefestigten Freundeskreis, man traf die erste Jugendliebe, meldete sich im Fußballverein an, trank sein erstes Bier in der einzigen, vorzeigbaren Kneipe, und so vergänglich das am Ende alles war, so vergänglich wurde auch diese Stadt. Zu groß war der Reiz, die Einöde der ewig gleichen Gesichter, der ständigen Niederlagen auf dem Fußballplatzplatz (1:13 gegen FC Germania Okriftel) und des letzten, schalen Biers zur Sperrstunde um 24 Uhr, zu verlassen – raus aus Springfield, ab über die Grenze in die große Stadt: Frankfurt. Oder auch liebevoll Mainhattan genannt.

Der Weg nach Mainhattan

Bis es soweit war, vergingen sechs Jahre in Wiesbaden. Eine Stadt, die mir sehr schnell ans Herz gewachsen war, die ich noch heute mag, die es aber nie zu meiner wahren Heimat geschafft hat. Obwohl Wiesbaden für mich immer eine perfekte Mischung aus Überschaubarkeit und Großstadt war, und ich das immer sehr gemocht habe, verlor die Stadt schon bald ihren Reiz. Es fehlten die Abenteuer und die Möglichkeiten des Entdeckens. Es fehlte die Großstadtromantik, nach der ich mich über die Jahre zunehmend gesehnt habe.

Meine Schwärmerei für Frankfurt begann bereits in der Jugend. Damals gab es für mich kaum etwas größeres als mit meinem älteren Bruder in die Stadt zu fahren, den nächsten Plattenladen aufzusuchen und sich von ihm an die Hand nehmen zu lassen, um die damals faszinierende Schule der Techno-Musik zu besuchen: Sven Väth, Marc Spoon, Talla 2XLC und DJ Dag – alles Söhne dieser Stadt, die in Clubs wie dem Omen oder dem Dorian Grey auflegten. Schon diese Tatsache, dass es dort etwas gab, das ich mochte, aber in diesem Alter für mich unerreichbar und irgendwo hinter den Türmen der Großstadt versteckt war, übte auf mich einen enormen Reiz aus – auf die Techno-Kultur und auf die Stadt Frankfurt.

Nächster Stopp: Heimat

Die Neugier auf die der Techno-Kultur war längst verflogen, als ich alt genug war, diese Welt vollends zu entdecken. Das Verlangen, Frankfurt zu entdecken, ist nie erloschen. Bis heute nicht. Inzwischen lebe ich seit zweieinhalb Jahren in Frankfurt. Schwer zu sagen, wo: für die einen ist es noch das Nordend, für die anderen ist es bereits Bornheim. Für mich ist es schlicht und einfach meine Heimat. Und damit sind wir wieder am Anfang: Was ist „Heimat“?

Für mich ist „Heimat“ die Definition eines Ortes, eines Gefühls und einer Lebenseinstellung. Der Ort, an dem man sich angekommen fühlt. Das Gefühl von Zugehörigkeit. Die Einstellung, sich voll und ganz seinem Umfeld hinzugeben. Ich könnte ausschweifen und von den abendlichen Sonnenstrahlen auf der Mainuferwiese schwärmen, die sich durch unsere Skyline drängen. Ich könnte Geschichten über meinen Lieblingsitaliener um die Ecke erzählen, der mich sogar grüßt, wenn ich nur an der Pizzaria vorbei laufe. Ich könnte mich um Kopf und Kragen erklären, warum es zum Sommer einfach dazu gehört, auf der Bergerstraße ein Frankfurter Schnitzel mit Grüner Soße zu essen und weshalb ein kühler Äppler dazu niemals fehlen darf. Und ich kann heute noch darüber schmunzeln, dass ich an einem Montagmorgen am Frankfurter Hauptbahnhof keinen Ton zu meinem Kaffeeverkäufer sagen muss – weil der mittlere Kaffee mit Milch schon fertig und bereit steht, wenn ich dort ankomme.

„Heimat“ ist für mich so etwas, wie der beste Freund: man kennt sich, man fühlt sich verstanden, man weiß, wie man sich zu verhalten hat und genießt die Zeit miteinander. Und trotz alledem stellt sich nie eine Sättigung ein, weil man doch immer wieder von Neuem überrascht wird.

Es heißt „Wer rastet, der rostet“. In vielen Bereichen des Lebens mag das stimmen. Auf die Frage nach der eigenen Heimat, würde ich diesem Satz widersprechen. Wahrscheinlich zählt es zu den wertvollsten Dingen im Leben, einen Ort gefunden zu haben, an dem man sich nicht nur „zu Hause“ fühlt, sondern wirklich daheim – und das ganz ohne Anführungszeichen.

Foto: Dino Argentiero

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